Bezirkskindertag in Merseburg

Stell' dir vor, es ist heller Tag und du siehst nichts, um dich herum ist es dunkel. Wie kommt man da zurecht? Die Kinder aus dem Bezirk Halle (Saale) haben es erprobt.

Es ist Sonnabend, der 18. September, 9.00 Uhr. Im Hof der Schloss- und Domanlage in Merseburg treffen sich erwartungsvoll gestimmte Kinder des Kirchenbezirks Halle (Saale). Thema des Kindertages ist:

„Blindsein - Heilung des blinden Bartimäus“

Diese Thematik ist gleichzeitig Vorbereitung auf den im Oktober bevorstehenden zentralen Kindergottesdienst mit Apostel Wosnitzka in Plauen.

Jedes Kind hat bei der Begrüßung ein Namensschild mit einem Lied auf der Rückseite erhalten, das eng mit dem Thema verbunden ist - „Sehen lernen“. Im Laufe des Vormittags wird es von Priester Heiko Stephan immer wieder angestimmt.

Auf der Wiese hinter dem Schloss sind mehrere Stationen aufgebaut, die mit dem Fühlen, Sehen, Hören verbunden sind.

In Form eines „Hör-Theaters“ wird die Geschichte des blinden Bartimäus und seiner Heilung in der Art des Puppenspiels erzählt.

An einem der Tische treffen die in kleine Gruppen eingeteilten Kinder auf unseren besonderen Gast zum Thema dieses Tages, einen jungen erblindeten Mann, der seine treue Begleiterin, eine Labrador-Blindenführhündin, mitgebracht hat. Diese ist sehr lernfähig, erzählt er den Kindern, und reagiert auf Befehle:

so sucht sie Fahrstühle, führt zu Ampeln, umgeht Gefahrenquellen wie z.B. Baustellen auf der Straße und findet auch die gelben Briefkästen.

Er berichtet, dass er „Soziale Arbeit“ studiert mit dem Ziel, als Sozialbetreuer mit beeinträchtigten Menschen zu arbeiten.

Sehr offen und kindgerecht spricht er über sich und seine Beeinträchtigung, gibt aber auch Hinweise zum Umgang mit beeinträchtigten Menschen. Sogar Arbeitsmaterial hat er mitgebracht: seinen Laptop mit normaler Tastatur und einer Braillezeile, der Blindenschrift und eine Blindenschreibmaschine. Einen Teil des Gesangbuchs unserer Kirche in Blindenschrift (in 3 Ordnern untergebracht) hat die Gemeinde Mücheln beigestellt – und alles kann betrachtet und befühlt werden.

Die Gruppe der älteren Kinder geht schließlich noch ins Skriptorium des Schlosses. Schon auf dem Weg dorthin gibt es vieles Interessante zu sehen, wie die in althochdeutscher Sprache verfassten „Merseburger Zaubersprüche“, deren Anfangsverse vorgelesen werden und wie eine „Fremd“-Sprache klingen.

Das Skriptorium ist der frühmittelalterlichen Schreibstube nachempfunden eingerichtet. Auf Tischen stehen Pulte mit einem befestigten Tintenhorn und einfachen Federhaltern. An jedem Platz auf den dahinter stehenden Bänken liegt eine Schürze, damit die Tinte keine Spuren auf der Kleidung hinterlässt.

Die Kinder erfahren, dass man im Mittelalter auf Pergament schrieb, das aus verschiedenen Tierhäuten hergestellt wurde. Auch die Tinte mischten sich die Mönche aus unterschiedlichen Natur-Rohstoffen und fertigten sich aus bestimmten Gänsefedern die Schreibgeräte.

Dann geht's an die eigentliche Arbeit:

Auf den Pulten liegen Blätter mit dem Alphabet aus der Zeit der Karolinger, es gibt nur Kleinbuchstaben (so genannte Minuskeln), kein „J“ und kein „W“, dafür stehen „I“ bzw. „UU“. Selbst „u“ und „v“ sind nicht zu unterscheiden, was das Lesen sicher erschwerte.

Mit Eifer versuchen sich Kleine und Große beim Schreiben, und es gelingt bei allen. Ein kleines Stück Pergament kann noch beschrieben und sogar mit dem echten Siegel König Heinrichs I. versehen werden.

Die Kunstwerke wohl verpackt, geht es zurück zur Wiese und auf zur Schnitzeljagd, die ihren Abschluss auf unserem Kirchengelände findet. Begleitet werden die Kinder dabei vom aus der Sage bekannten Merseburger Raben.

Auf dem Kirchengelände angekommen, duftet es bereits verführerisch, es wird gegrillt, und leckere Dinge erwarten die hungrigen Mägen.

Ein schöner langer Vormittag geht mit dem Aufsteigen von Luftballon-Grüßen langsam seinem Ende entgegen.

Den Organisatoren ein ganz herzliches „DANKE“, denn viel Mühe und Kleinarbeit, doch vor allem auch Liebe zur Sache steckt in den Vorbereitungen.