Gott in der Musik

Zutaten für einen spannenden Abend in der Studentengemeinde Halle: Ein interessantes Thema, einen oder auch mehrere hochkarätige Referenten und ein sehr diskussionsfreudiger Teilnehmerkreis. Bei der Mai-Veranstaltung im Mittelpunkt: Christliches Kulturgut in Gestalt von Tönen und Texten - "Gott in der Musik" lautete der (nicht zu) vielversprechende Titel.

Mit Jens Petereit, dem "Kirchenmusikdirektor" der Gemeinde Halle, der zugleich Chordirektor am Opernhaus und Hochschuldozent in Halle und Leipzig ist, konnte für eine niveauvolle und geistig befriedigende Behandlung dieses Themas ein fachlich versierter Ansprechpartner gewonnen werden.

"Wie der König David einmal gesungen hat, wissen wir nicht. Es gibt keine Aufzeichnungen, die uns heute dafür als Quellen zur Verfügung stehen können," eröffnete Priester Petereit seinen Impulsvortrag. "Zumindest für den Bereich christlicher Musik gibt es erst ab etwa der Mitte des ersten Jahrtausends Notierungen." Gemeint ist damit der gregorianische Choral. Einstimmig, von Männern gesungen, mit lateinischen Texten, entfaltet er seine volle Wirkung vor allem innerhalb alter, hoher Kirchenmauern mit entsprechend umfangreichem Nachhall.

Wenige Jahrhunderte später gab es erste Formen mehrstimmiger Lieder, die noch sehr nach Gregorianik klingen. Die Regel war dabei wohl Zweistimmigkeit mit Begleit- und Solostimme. Damit die Teilnehmer akustische Eindrücke mitnehmen konnten, hatte Jens Petereit zahlreiche Beispiele ausgewählt, wobei - zeitgemäß - die Online-Videoplattform Youtube intensiv genutzt wurde.

Nächste Entwicklungsstufe: "Ein' feste Burg ist unser Gott" steht nicht nur am Turm der Schlosskirche zu Wittenberg, sondern ist auch der Titel eines bekannten Kirchenliedes aus der Feder Martin Luthers.
"Im Barockzeitalter wurde viel Wert auf Perfektion bei gleichzeitig recht aufwändiger Gestaltung gelegt. Man erkennt das an der Gestaltung barocker Kirchen und Schlösser, aber natürlich auch in der Musik", erläuterte der Referent die nächste Stufe der kirchenmusikalischen Entwicklung. Prominentester Vertreter: Johann Sebastian Bach, dessen "Gloria in Excelsis Deo" aus der Messe h-Moll als Exempel diente.

"Gott in der Musik" - das geht auch ohne Texte, ohne Gesang, rein instrumental. Das passende Beispiel folgte, geschaffen von einem der Vertreter der Klassik-Epoche schlechthin: Die Kirchensonate C-Dur von Wolfgang Amadeus Mozart. Ein weiteres Beispiel? Felix Mendelssohn Bartholdy und seine fünfte Symphonie, die unter der Bezeichnung Reformationssymphonie bekannt ist und in deren Finale die Melodie von "Ein' feste Burg ist unser Gott" vom Komponisten verarbeitet wurde. Während Bach und Mendelssohn Bartholdy dem Protestantismus zuzuordnen sind, war Mozart klar katholisch geprägt. Seine Werke sind nicht frei von Kritik geblieben, allerdings nicht wegen mangelnder musikalischer Ästhetik. Vielmehr standen seine Messen gelegentlich in dem Ruf, viel zu opernhaft zu sein, unangemessen für die in der Tendenz doch von sakraler Nüchternheit geprägte heilige Messe.

Freilich, gegen die Opulenz der Romantiker war das im Vergleich fast gar nichts. Anhand des Pfingsthymnus aus der achten Symphonie von Gustav Mahler, einem schon etwas späteren Vertreter der Epoche, konnte das verdeutlicht werden. Chöre und Orchester bis zu einer Gesamtgröße von tausend Musikern kamen da zum Einsatz. Nicht nur bei Mahlers "Veni Creator Spiritus", sondern auch in den Werken anderer Zeitgenossen, wie etwa Berlioz oder Bizet.

Für den Übergang zu den im engeren Sinne modernen Formen der musikalischen Verehrung Gottes stehen Komponisten wie Hugo Distler. Sein "Singet dem Herrn ein neues Lied" dürfte für manchen Kirchenchor eine übungstechnische Herausforderung sein. Im frühen 20. Jahrhundert vollzogen einige Musikschaffende den Abschied von der Tonalität, zumindest aber hatten Disharmonien Hochzeit. Der Grund: Das Leben selbst ist disharmonisch, was in der Musik, auch der Kirchenmusik, entsprechend verarbeitet wurde. Ganz das Gegenteil dazu wiederum John Rutter, der eine unverkennbare Vorliebe für gefällige Harmonien hatte. Hier von Süffisanz oder sogar Schmalz zu sprechen, trifft die Sache ganz gut.

Eine zeitgeistige Popularität haben bekanntermaßen Gospels, die aus dem englischen Sprachraum kommend, mittlerweile auch im Abendland Eingang in die kirchliche Musikkultur gefunden haben und als Musikform im kirchlichen Gebrauch vielleicht sogar schon als kanonisiert gelten können. Den Titel "He changed my life" hatte Jens Petereit zur Illustration ausgewählt.

Zum Abschluss gab es dann mit einem "Worship-Mix" noch einen kleinen Einblick in die vor allem bei jüngerem Publikum beliebten Lobpreis-Zeiten, die vornehmlich bei evangelischen Freikirchen und Evangelikalen zur Verherrlichung Gottes durchgeführt werden. Aber nicht nur: Im Internet findet man auch Videos eines österreichischen Kardinals, der einen von Rockmusik umrahmten Jugendgottesdienst durchgeführt hat.

Ergänzungen zum Impulsvortrag kamen aus den Reihen der Teilnehmer. Als bekannter Vertreter zeitgenössischer Popmusik, in der Gott besungen wird, wurde Xavier Naidoo (Söhne Mannheims) vorgestellt. Zu seinem Schaffen gehört auch ein gesungenes "Vater unser", das Xavier Naidoo allein, ohne musikalische Begleitung, wenn auch vielleicht geschmacklich streitbar, so aber doch mit hörbarer Leidenschaft vorträgt. Das entsprechende Album hat den Titel "noiz" - man kann ihn ja mal von hinten lesen.

Ebenfalls von einer Teilnehmerin vorgestellt wurden einige Titel von Matthew West. In Titeln wie "You know where to find me", "Stop the world" oder "You are everything" besingt West Gott. Die Aufmerksamkeit fiel beim Stöbern im Internet eher zufällig auf den Künstler. Zugang zu seinem Werk, das in musikalischer Hinsicht wohl noch am ehesten als Liebesballade einzuordnen ist, gelingt über die Texte, in denen West seine Liebe zu Gott ausdrückt.

Wie bei den Veranstaltungen der Studentengemeinde üblich, kam es nach den einführenden Impulsen noch zu einer intensiven Diskussion. Der eigentlich vorgesehene Zeitrahmen wurde dabei einvernehmlich gesprengt. Einigkeit bestand darin, dass Gott sich in den vielfältigen Formen der Musik offenbaren kann, auch weit jenseits von Schütz, Bach oder Mendelssohn Bartholdy. Kontrovers hingegen wurde die Frage erörtert, ob Gospel, Pop und Rock ernsthaft in der gottesdienstlichen Liturgie zum Einsatz kommen können.

Die in gegenseitiger Wertschätzung von Befürwortern und Gegnern vorgetragenen Argumente waren zahl- und variantenreich. Eines aber ist sicher - zum Glück: Eine reine Geschmacksfrage ist das nicht. Sonst dürfte man ja gar nicht darüber streiten