Lesen bildet! - Literarischer Abend der Studentengemeinde

Christliche Literatur vom dicken Bibelkommentar bis hin zu belletristischen Werken waren das Thema beim ersten Treffen der hallischen Studentengemeinde im Jahr 2011. Mit dabei war Bischof Ralph Wittich, der u. a. eine „Anleitung zum Unglücklichsein“ vorstellte – und zur Freude aller Teilnehmer auch einige Passagen daraus zum Besten gab.

Rund zwei Dutzend überwiegend studentische Freunde der Literatur hatten sich zu diesem besonderen Abend im kleinen Saal des Gemeindezentrums zusammengefunden. Das interessante Thema sowie die im Vorfeld schon bekannte Möglichkeit, dass jeder – so er oder sie wollte – eine eigene Auswahl an Büchern vorstellen konnte, versprach eine gewisse inhaltliche Vielfalt, aber auch Einblicke in die Lesevorlieben des Nächsten.

Den Anfang macht der Bischof mit den Buchtiteln „Anleitung zum Unglücklichsein“ von Paul Watzlawick und „Christentum kompakt“ von Rüdiger Kaldewey und Franz Niehl. In seiner „Anleitung zum Unglücklichsein“ beschreibt Paul Watzlawick auf pointierte Art und Weise viele verschiedene Wege, die es dem Leser ermöglichen sollen, unglücklich zu werden. An dieser Stelle liegt die eigentliche Idee des Buches: Ohne den Leser direkt zu kritisieren, beschreibt er das von ihm gut beobachtete Verhalten der heutigen Gesellschaft, die nicht wirklich glücklich ist. Aber anstatt zu sagen „Das ist das Verhalten der Unglücklichen, die sind ja selbst schuld, wenn sie nicht glücklich sind,“ tut Watzlawick lieber mit einem gewissen Augenzwinkern so, als sei das Verhalten dieser Menschen geschickt – weil es ja erstrebenswert sei, unglücklich zu sein. Die Kritik ist so besser zu verkraften. Und da der Autor dies alles mit gut ausgeprägtem psychologischen Instinkt und immer mit einer Prise Humor schreibt, bleibt die Lektüre stets amüsant und man kann vieles wiedererkennen, teils bei sich selbst und teils bei anderen.

Die zweite episkopale Lektüreempfehlung - „Christentum kompakt“ - stellt anschaulich die zentralen Inhalte des christlichen Glaubens vor und zeigt, wie in einer pluralen Gesellschaft der Glaube zur humanen Gestaltung des Lebens beitragen kann. Das übersichtliche Nachschlagewerk enthält präzise Information zur Geschichte und Gegenwart des Christentums, ohne die einzelnen Punkte in einer für Anfänger eher schwer zugänglichen Weise in all ihrer Tiefe zu entfalten.

Wer dennoch ein gewisses Bedürfnis nach mehr Tiefe und Komplexität spüren sollte, dem empfahl Steffen Liebendörfer die „Einführung in das Christentum“ von Joseph Ratzinger. Das Werk behandelt das Apostolische Glaubensbekenntnis und ist aus Vorlesungen entstanden, die der heutige Papst Ende der 1960er-Jahre in Tübingen als Theologieprofessor gehalten hat. Dieser kommt auch in dem ebenfalls vorgestellten Interviewband „Licht der Welt“ ausführlich zu Wort. Über mehrere Tage stand er dazu Peter Seewald in der päpstlichen Sommerresidenz Mitte 2010 Rede und Antwort. Anders als teilweise in den Massenmedien dargestellt, geht es darin keineswegs nur um katholische Positionen beim menschlichen Paarungsverhalten.

Nicht mehr ganz Student, aber noch ganz dabei, präsentierte Uwe Bartels „Geben macht reich“, ein Werk des Pfarres und Publizisten Uwe Hahn. Hahn stellt seinen Reflektionen Teile der Bergpredigt voran und beschreibt, wie man durch Gutes das Böse überwindet. Nach ausführlichen Betrachtungen zu Feindesliebe stellt Hahn die Frage: „Wie gehen wir mit denen um, die uns enttäuscht haben, und mit denen, die uns als Feinde entgegentreten? Wo fällt Vergebung leicht, wo wird sie zur Überforderung?“

Weiter ging es mit dem Buch von Cristian Furch ,, Demut macht stark“. Furch interpretiert Demut aufgrund dessen als Mut, sich von etwas Großem, zweifelsfrei Gutem, abhängig zu machen. Der Autor hat einige seiner Gedanken dem zweiten Korintherbrief entnommen und gibt in der Folge zehn Empfehlungen, die helfen sollen, durch Demut stark zu werden. Er macht klar, dass wir alle keine Helden sind, dass wir unsere Grenzen akzeptieren müssen, wenn wir in die Weite geführt werden wollen. Nur wer seine Grenzen akzeptiert, wird innerlich unabhängig, mutig und entschlossen Entscheidungen treffen.

Mit der von der Evangelischen Kirche Deutschlands herausgegebenen ,,Stuttgarter Erklärungsbibel“ weckte Uwe Bartels unter den Teilnehmern schließlich besonderes Interesse. Neben der bekannten Luther-Übersetzung mit Stand 1984 bietet diese Bibel nämlich zahlreiche und umfassende Erklärungen zu jedem Abschnitt. Die Erkenntnisse der Forschung werden aufgegriffen, die Erläuterungen spiegeln in der Regel den kritischen Konsens wider.

Eine Kombination aus biografischen und autobiografischen Elementen enthält Franz Josef Hausers Veröffentlichung „Ich habe nicht umsonst gelebt“, die von Philipp Bornfleth vorgestellt wurde. Auf 166 Seiten berichtet der Verfasser vom Leben der nach einer unerkannten Rötel-Infektion der werdenden Mutter schwerbehinderten Brigitte – der Tochter des Autors. Darin verrät dieser auch, aus welchen Qullen er auch unter starken Belastungen die Kraft zur liebevollen Pflege genommen hat.

Ebenfalls in einem bekannten Frankfurter Verlag erschienen ist eine Sammlung von 40 bisher unveröffentlichten Glaubenserlebnissen und Erfahrungen, Weisheitsgeschichten und ausgewählten Beiträgen aus der Rubrik „Nachdenken - Nachfolgen“ der Zeitschrift „Unsere Familie“. Samanta Schramm stellte das von Klaus Emmerling editierte Werk „Vertrau auf Gott“ vor. Die ansprechende optische Gestaltung spiegelt zugleich die Vielseitigkeit der berichteten Erlebnisse wieder.

Im letzten Abschnitt des Abends stellte Christina Bartels den Bestseller ,, Die Hütte“ von William P. Young vor. Emotional, verwirrend, befreiend, unrealistisch, aufwühlend und überraschend - das sind nur einige der Adjektive, die das Buch beschreiben. Es handelt von dem Schicksal eines Familienvaters, der während eines Campingausflugs seine jüngste Tochter für einen Moment unbeaufsichtigt lässt, weil er seine mit einem Kanu gekenterten Söhne retten muss. So gibt er jedoch einem gesuchten Kindesmörder Gelegenheit, seine Tochter zu entführen und schließlich zu töten. Hier entsteht also die Frage aller Fragen, die den von nun an gebrochenen Vater immer wieder quält: Was wäre gewesen, wenn...? Mitten in diesen Selbstvorwürfen und Schuldzuweisungen kommt es zu einem weiteren Gedanken, einer Fage, die von nun an das Thema des Buches bestimmt: Warum hat Gott das zugelassen? Fragen, auf die „Die Hütte“ Antworten anbieten will.

Das zweite Buch auf Christina Bartels Platz ist geschrieben von Wayne Jacobsen und Dave Coleman und beschreibt am Beispiel eines Co-Pastors einer freikirchlichen Gemeinde in den USA, wie die Kirchen durch Traditionen, Rituale, Strukturen aber auch dem Wunsch, es allen recht zu machen, den eigentlichen Auftrag der Gemeinde aus den Augen verloren haben. Die Situation der heutigen Gemeinden, auch der Freikirchen in Europa, wird dadurch schonungslos offengelegt und das auf sehr unterhaltsame Art und Weise. Aber nicht nur das, auch die Wege zur Befreiung aus dieser Lage werden gezeigt. Ein aufrüttelndes Buch, nicht zuletzt für alle, die es sich in den Gemeinden bequem gemacht haben und fühlen, dass das, was sie erleben, nicht so sein kann, wie Jesus sich die Gemeinde vorstellt.

Einen der bedeutendsten Theologen des 20. Jahrhunderts hatte Jörg Anschütz im Gepäck. In „Glaubensheiterkeit“ berichtet Eberhard Busch von seinen Erfahrungen und Begegnungen mit Karl Barth. Eher kontrovers diskutiert wurde die 127 Seiten starke, gebundene Blättersammlung von Rolf Froböse „Die geheime Physik des Zufalls“. Darin beschreibt der Autor den Zufall als Phänomen mit zwei Gesichtern: Als „Zufall erster Ordnung“ und als „Zufall höherer Ordnung“. An sich eine nette Lektüre ohne wissenschaftlichen Anspruch, die aber gerade deshalb nicht ansatzweise hält, was der Titel verspricht. Als „the best of Anschütz“ präsentierte Jörg Anschütz zudem seine 24-seitige Broschüre „Seelsorge im Blick“ und gab damit einen interessanten Einblick in seine ehrenamtliche Seelsorgetätigkeit im Krankenhaus.

Die enorme Vielfalt an christlicher Literatur, wovon an einem Abend nur ein minimaler Bruchteil angesprochen werden kann, bringt allerdings nichts, wenn sie nicht gelesen wird um den eigenen Horizont zu erweitern. Neben den interessanten vorgestellten Titeln sollte deshalb der unmissverständliche Appell von Bischof Wittich nicht nur in Erinnerung bleiben, sondern auch befolgt werden – nämlich: Bücher zu lesen und sich theologisch weiter zu bilden. Wir wissen viel zu wenig!